MEGA! Marsch Marsch.

Die Frage nach dem Warum beschäftigt wohl fast jeden, der am Start einer 24-Stunden-Wanderung steht. So erging es jedenfalls mir kurz vor dem Megamarsch Frankfurt. 100 km in 24 Stunden zu Wandern ist ja wirklich schon ein wenig verrückt.

Ich wusste: schaffe ich es, werde ich mega stolz auf meine Leistung sein, schaffe ich es nicht, so werde ich zumindest ein wenig enttäuscht sein. Die Rahmenbedingungen waren bestens. Sonnenschein und kein Regen in Sicht. So hatte ich am Tag vorher entschieden, mit ganz leichtem und kleinen Gepäck los zu gehen.

 

Der Start und die ersten Kilometer

Punkt 16:00 Uhr – die 1000 Teilnehmer beenden den Countdown mit einem lauten “Nuuuuuull” und unter Beifall geht es los. Ich reihe mich erst ins Mittelfeld ein, da am Starttor ziemliches Gedränge herrscht. Erst einmal soll sich das Feld ein wenig auseinander ziehen, dann so meine Strategie hol ich nach und nach auf… Einige Läufer sind mir viel zu langsam, ich überhole und treffe auf Tonia und Nicole, die ich schon von einer anderen Langstreckenwanderung kenne. Wir laufen ein erstes kurzes Stück zusammen.

Die Stimmung unter den Teilnehmern ist prächtig, es wird gescherzt, gelacht, gealbert. Und hier auf dem flachen Stück schmelzen die Kilometer geradezu dahin. Kurz bevor ich bei Kilometer 20 die erste Verpflegungsstation erreiche wird es dunkel. Nur eine kurze Rast, Stirnlampe auf, eine Banane für den Weg und dann entfliehe ich dem “Tohuwabohu” der immer mehr werdenden Wanderer die hier eintreffen. Zudem ist mir kalt wenn ich stehe, also los, bewegen. Marsch marsch!

 

Durch das Dunkel der Nacht

Ich will etwas Tempo herausnehmen, da mir die ersten 20 Kilometer doch recht schnell vor kamen, lege jedoch im Dunkeln fast automatisch einen Zahn zu und hänge mich an eine Gruppe von mehreren Leuten, die das Tempo angeben.

Ich horche in mich herein. Und da ist es zum ersten Mal – das erste leise Gefühl, dass ich die 100 Kilometer schaffen werde. Denn ich fühle mich fit, konditionell alles bestens, Beine und Füße funktionieren. Noch keinerlei Schmerzen. Im Moment habe ich das Gefühl, das Tempo passt.

Das Wandern im Dunkeln macht mir Spaß. Aber es erschwert natürlich auch die Orientierung. Die auf den Boden gezeichneten Pfeile sind nicht immer gleich sichtbar. Aber gemeinsam mit den anderen Teilnehmern und unseren GPS-Tracks klappt es doch ganz gut. Am VPS 2 komme ich nach ca. 7 Stunden Laufzeit an, also so gegen 23:00 Uhr. Wahnsinn, ich bin jetzt von Frankfurt nach Darmstadt gelaufen! Hier ist es schon etwas ruhiger als an VPS 1. Es gibt Kaffee und Brühe! Und Schokobrötchen! Die ersten beenden hier den Marsch. Respekt für diese Leistung. 40 Kilometer Wandern in dieser Zeit, dass ist mehr als sich manch Einer vorstellen kann.

Ich wandere weiter. Wieder höre ich in meinen Körper. Alles ok. Klar, ein wenig müde und erschöpft bin ich, aber das ist nicht dramatisch. Das überrascht mich nicht sonderlich nach der Strecke. Es läuft bisher alles nach Plan. Und so setzte ich einen Fuß vor den anderen. … “atemlos durch die Nacht”… 😉

Kurz vor Ober-Ramstadt geht es einen feuchten, glitschigen Wiesenweg hinunter. Hoffentlich bleiben meine Laufschuhe von innen trocken. Bleiben sie… Mein Lieblingsschuh “Salomon GTX 3 D“ (*Affiliate-Link) funktioniert wie immer prima. Eine gute Entscheidung auf Wechselschuhe zu verzichten und so Gewicht zu sparen!

Was die Höhenmeter betrifft, ist jetzt “Schluß mit lustig”. Die ersten 50 Kilometer waren sehr moderat, jetzt geht es in den vorderen Odenwald. Die Megamarsch-Strecke hat einen Gesamtanstieg von ca. 2000 m und die macht man vor allem in der zweiten Hälfte.

Kurz vor 04:00 Uhr komme ich an der Kuralpe an. Hier ist die dritte offizielle Verpflegungsstation eingerichtet, knapp 60 Kilometer liegen hinter mir. Meine Zuversicht wird immer größer. Immer wieder rechne ich: die Zeit reicht locker aus. Noch 12 Stunden, nur noch 42 Kilometer. Nur noch? Ja,  es ist schon faszinierend. 42 Kilometer, das ist ein Wandermarathon und den macht man nicht mal nur so mit links. Aber jetzt stehe ich hier und sage mir “nur noch” 42 Kilometer. Das ist es, was eine solche Megawanderung ausmacht. Die Grenzen verschieben sich, Kilometer relativieren sich. Und: immer positiv denken ist wichtig!

 

Im Dunkeln durch das Felsenmeer

Ich breche an der Kuralpe auf. Kurz vor meinem Start treffe ich nochmal auf Tonia und Nicole, die hier aussteigen. Zu heftig sind die Krämpfe in den Beinen der Beiden! Respekt – 60 km habt ihr geschafft!

Was jetzt kommt, ist aber ein echter Hammer. Denn zuerst geht es nach dem VPS richtig steil bergauf bis zum Felsberg. Und von dort aus durch das Felsenmeer hinunter bis nach Lautertal. Der Weg über die Naturtreppen hinunter ist anstrengend und fordert höchste Konzentration. Bloß nicht umknicken. Eine super Kombi ist das: „Dunkel, steil und nass.“ Mega …

Weiter geht es nach dem Felsenmeer durch Lautertal, eine Ortschaft im Tiefschlaf. Warum laufe ich durch die Nacht? Könnte man jetzt nicht auch noch gemütlich im Bettchen liegen? Aber ich freue mich auch schon auf den Sonnenaufgang. 05:00 Uhr, die Nacht ist so gut wie geschafft.

Dafür geht es nun ein weiteres Mal steil bergauf. Noch dazu stimmt hier irgendwie der heruntergeladene Track nicht mehr mit den Wegen überein. Es herrscht Verwirrung bei mir und schwupps hab ich den Weg verloren. Ganze 6 km kostet mich dieser kleine Umweg und meine Unaufmerksamkeit. Viele Wanderer sind nicht mehr auszumachen und so muss ich mich auf meine eigene Orientierung verlassen. Aber nach einer 3/4 Stunde finde ich eine Gruppe und hänge mich in ihren Windschatten.

Der Weg hinunter zum Verpflegungspunkt 4 ist ein echter Charaktertest. Denn es geht 1,5 km ins Tal hinunter und den gleichen Weg wieder zurück. 3 Kilometer, die man sich ja eigentlich sparen könnte. Aber mein Gewissen lässt kein Schummeln zu. Auf dem Weg zur Verpflegungsstation wird es langsam hell.

 

Die Sonne geht auf!

So sitze ich schließlich am Sportplatz des SV Mittershausen und genieße einen herrlichen Kaffee. 29 Kilometer noch und ich habe noch ca. 10 Stunden dafür Zeit. Zur Not krieche ich! Aber das muss ich gar nicht, denn ich fühle mich körperlich und mental immer noch fit.

Die Sonne geht um 6.10 Uhr auf und beleuchtet den Nebel im Tal. Herrliche Aussichten und die Laune wird immer besser. Die leichte Müdigkeit, die mich die Nacht über begleitet hat, ist wie weg geblasen.

Weiter geht der Weg jetzt Richtung Juhöhe. Diesen Abschnitt kenne ich schon. Heimatstrecke!

Und daher weiß ich auch, dass dies noch nicht das Ende der Steigungen ist. Aber ich halte weiter Tempo.

 

Zieleinlauf!

Nun geht es weiter Richtung Birkenau. Immer noch herrliche Aussichten. Eine tolle Gegend. In Birkenau ein Verkehrsschild: Weinheim 3 km. Aber das ist nicht der offizielle Weg. Mist, wieder verlaufen. Mein GPS Tracker zeigt eine Abweichung von fast 5 km an. Irgendwo bin ich einem Wanderer hinterhergestifelt, der überhaupt nicht zum mega Marsch gehörte.

Jetzt heisst es die Gorxheimer Talstraße bis nach Weinheim auf Asphalt zu laufen. Danke auch! Jetzt fangen meine Füße an zu brennen. Aber das ist nicht das Schlimmste. In den zahlreichen Kurven kommen Autos und Motorräder im Tiefflug entgegen. Es gibt keinen Seitenstreifen auf den ich mich flüchten könnte.

Dann kurz vor dem Ortsschild von Weinheim treffe ich auf Sandra, die ihre blutigen Füße versorgt und „eigentlich“ hier sitzen bleiben möchte. Aufgeben jedoch so kurz vorm Ziel ist keine Option. Wir müssen noch bis zum Schloß. Es gibt endlich wieder einen Gehweg. Und so langsam macht sich bei mir die Euphorie breit. Ja, ich bin gleich da! Gleich ist die Anstrengung vorbei. Fast unwillkürlich gehe ich wieder aufrechter, mein Schritt wird wieder fester. Ich lächle den Passanten zu. Einige klatschen Beifall. Mir läuft es sogar jetzt beim Schreiben wieder kalt den Rücken herunter. Es ist ein Mega Feeling als ich mit Sandra im Schlepptau gegen 13:30 Uhr auf den Schloßpark einbiegen. Da ist der schwarze Torbogen der das Ziel markiert! Ich schreite durch den Bogen, bekomme die Finisher-Medaillie umgehängt. Ich bekomme gratuliert: Herzlichen Glückwunsch, starke Leistung!

 

Der Tag danach

Ach herrje, am Sonntag Nachmittag war ich noch total aufgedreht. Obwohl ich etwas unrund gelaufen bin, hatte ich nicht wirklich Schmerzen. Doch dann hab ich mich irgendwann aufs Sofa gelegt und weg war ich. Als ich wach wurde, fiel es mir schwer mich umzudrehen und aufzustehen. Das setzt sich dann in der Nacht fort. Aber trotzdem schlafe ich wie ein Baby. Über den Montag morgen schweige ich jetzt mal. Am Montag Nachmittag habe ich mich dann aber zu einem Spaziergang gezwungen. Und dabei gemerkt, wie es von Meter zu Meter besser ging. Probleme mit Blasen hatte ich keine (ich hatte halt auch die richtigen Socken an den Füßen). Und am Dienstag war auch der Muskelkater vergangen. Der Stolz jedoch ist auch heute noch da.

Warum ich das gemacht habe? Darum…

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Hier schreibt

Michael G. Waltenberger über Ultra- und Extrem-
wanderungen!

In der Welt der Ultrawanderungen setze ich mir stets neue Ziele, die die Distanzen der 100 km und 24 Stunden an einem Stück, weit überschreiten! Mehr dazu im B L O G!

„Weit ist nicht weit genug!“